Die Geschichte des Küssens
Veröffentlicht in P.M. History





Es ist nicht fair, aber leider nicht mehr zu ändern: Der berühmteste Küsser der Weltgeschichte hat eine der schönsten Gesten, derer Menschen fähig sind, mit Verrat und Tod beschmutzt. Sein Name ist Judas, und wir mögen ihn nicht besonders.

Was wurde eigentlich aus ihm? Die »Legenda aurea«, die Goldenen Legende, ein im Mittelalter sehr bekanntes religiöses Volksbuch, kennt das schmutzige Ende von Judas und schildert es gewissenhaft, wenn auch mit medizinisch hinterfragenswerten Details. Der Verräter, heißt es, habe seine Lippen, mit denen er Jesus Christus geküsst hatte, nicht besudeln wollen und sich deshalb nicht durch den Mund übergeben können. In der Folge sei er in der Mitte auseinandergebrochen und seine Gedärme hervorgequollen.

So richtig Appetit aufs Küssen bekommt man dabei nicht, aber die wahre Magie des Kusses lässt sich daran ablesen, dass trotz dieser unschönen Geschichte zum einen ausgerechnet die Urchristen wahre Freunde des Küssens wurden und zum anderen die Menschheit in der Folge sehr viel Energie in die Rehabilitation des Kusses setzte. Noch heute gibt sie dafür alles.

Nicht nur in der Liebe und Erotik. Der Mensch küsste sich über Reliquien, Sterbende, Kreuze, Ikonen, Bibeln, den Koran, Herrscher, Geistliche, Hände, Füße, Ringe und Wangen hinweg durch die Geschichte. Unter den frühen Christen war das Küssen recht verbreitet. Der Heilige Augustinus unterscheidet den Versöhnungskuss, den Liebeskuss, den Begrüßungskuss (auch auf den Mund) und den Friedenskuss, der während der Eucharistie gegeben wurde.

Aber selbst im religiösen Gewand einer Friedensgeste bewegte sich der Kuss schnell an der Grenze zum Genuss. »Wenn jemand zum zweiten Mal küsst«, warnte 175 n. Chr. der Athener Philosoph Athenagoras, »hat es ihm Spaß gemacht.« Pingelig? Oder fürsorglich: »Wenn mit dem Friedenskuss die geringste Besudelung der Gedanken verbunden ist, schließt er uns vom ewigen Leben aus.« Letztlich war der Kirche die Sache dann nicht mehr geheuer, weshalb sie gegen Ende des 12. Jahrhunderts kleine hölzerne »Friedenstafeln« einführte, die man küssen sollte. Aus irgendeinem Grund dauerte es aber noch bis ins 14. Jahrhundert, bis diese den Mund-zu-Mund-Friedenskuss endgültig ersetzten.

Geküsst wurde natürlich trotzdem weiter. Entweder mit geschlossenen Lippen oder eingeschränktem Vergnügen, denn dass die Mundhöhle keine Hölle übelster Gerüche ist, hat erst der neuzeitliche Mensch der Zahnmedizin zu verdanken: Kautabak, überhaupt Tabak, Alkohol, faule Stellen im Zahnfleisch, fehlende Zähne und von der Quecksilber-Behandlung gegen Syphilis verfärbte Zähne machten das Küssen nicht immer und überall zu einem Genuss. Zudem war in Europa der Glaube verbreitet, dass man über den Atem Geschlechtskrankheiten verbreite.

Die alten Ägypter kauten Bonbons aus Honig oder Kräutern, die Römer bekämpften den Mundgeruch mit Myrrhe. Und offenbar waren entweder die Mittelchen wirkungsvoll oder die Sinne benebelt genug, um auch damals schon Zungenküsse zuzulassen. Das »französische Küssen« haben nicht die Franzosen erfunden, denn damals war noch nicht einmal der Franzose erfunden. Wir halten ihn nur für einen so verwegenen Küsser, dass wir ihm diese spezielle Variante, die so erfrischend nahe am Sex ist, gerne zuschreiben. Tatsächlich war der Zungenkuss schon bei den alten Griechen bekannt, und möglicherweise waren auch sie nicht die ersten. Wer wem bei welcher Gelegenheit das erste Mal seine Zunge zwischen die Lippen schob, wissen wir nicht, was zumindest beweist, dass der Zungenkuss älter ist als die Klatschpresse. Sicher ist: Ein Franzose war nicht im Spiel.

Später, als Frauen enge Korsetts trugen, soll die eine oder andere beim besonders atem(be)raubenden Kuss auch mal ohnmächtig zu Boden gesunken sein. Aber besonders beim Verlobungskuss werden im Mittelalter auch die Männer vorher tief Luft geholt haben, denn zu jener Zeit hatte er in Europa noch eine rechtlich bindende Wirkung. Überhaupt war früher das Auge des Gesetzes noch öfter auf den Kuss gerichtet. In ihrem »Kussbuch« zitiert die Kulturanthropologin und Sexualforscherin Ingelore Ebberfeld aus einem Text von 1775 »vom Rechte des Frauenzimmers gegen eine Mannsperson, die es wider seinen Willen küsset«: Detailliert wird die Frage erläutert, unter welchen Bedingungen ein geküsstes Mädchen bei ihrer Hochzeit den Jungfernkranz im Haar noch zu tragen berechtigt ist. In London wurde 1785 bekannt, dass ein politischer Kandidat in seinem Wahlkreis die Frauen geküsst und er dabei Geldmünzen von seinem Mund in ihren geschoben hatte. Der Bestechungsversuch flog auf und der Kandidat von der Liste der Parlamentsabgeordneten. »Ich schätze«, schrieb dazu ein Zeitgenosse, »dass andere aus diesem Grund sich etwas unbemerkter an die Damen wenden.« Sehr verdächtig.


Gerade der mit Liebe oder Sexualität verbundene Mundkuss scheint aber zunächst im wesentlichen eine europäische Idee gewesen zu sein. Über die Chinesen schrieb 1897 ein französischer Ethnologe, sie empfänden den Kuss der Europäer als ekelig und wie eine Spielart von Kannibalismus. Als Afrikaner das erste Mal auf Filmleinwänden sich küssende westliche Menschen sahen, fragten sie befremdet, wozu das gut sei. Denn nicht überall waren Lippen und Mund mit erotischen Reizen verbunden. Inuitfrauen, die mit ihrem Mund eher Leder weichkauten oder Babys sauber leckten, brachten für den Mundkuss ebenso wenig Verständnis auf wie afrikanische Stämme, bei denen der Glaube verbreitet war, dass der Mund als Ein- und Ausgang der Seele diene und ein solcher Kuss somit allerlei Gefahren berge. Nicht einmal einen Gestorbenen würde man küssen, weil sich selbst der Tod durch einen Kuss übertragen könnte.

Anderswo herrschte ganz im Gegenteil das Verlangen vor, den toten Geliebten zu küssen, damit seine Seele in sich aufzunehmen und ihn noch eine Weile bei sich zu bewahren – ein Gedanke, der vor allem in Rom und Gallien verbreitet war, bis es 578 verboten wurde, einen Toten zu küssen, um seine Seele aufzusaugen.

Beim Kuss zwischen Lebenden blieb der Gedanke erhalten, dass man damit einen Teil des anderen in sich aufnehme (im alten Ägypten war »essen« und »küssen« sogar dasselbe Wort). Der Gedanke, dass zwei Küssende mit ihrem Atem ihre Seelen vereinen, macht bis heute den Liebeskuss zu einem mystischen Erlebnis. Dabei halfen auch Märchen, in denen der Kuss eine heilende Wirkung bekam oder einen bösen Zauber beendete (Dornröschen) – ein Mythos, den wir uns beim Kuss auf die Schürfwunde des eigenen Kindes gern zunutze machen. Nur der berühmteste aller Märchenküsse fand strenggenommen gar nicht statt: Der Frosch ging leer aus. In den ursprünglichen Fassungen von Grimms Märchen vom Froschkönig bekommt er keinen Kuss, was offensichtlich als so bedauerlich empfunden wurde, dass er in späteren Versionen der Geschichte ab Ende des 19. Jahrhunderts eingebaut wurde.

Natürlich ist die Geschichte reich an Küssen, die nichts mit Erotik zu tun haben. Asketen, religiöse Adelige und Kreuzritter küssten im 12. und 13. Jahrhundert die Wunden von Leprakranken, so wie Franz von Assisi es getan hatte: Reinigung und Nächstenliebe in einem. Manchmal aber auch, weil das Leiden den Kranken stark mit Jesus verband.

Ein häufiges Motiv von Küssen in Europa waren Demut und Unterwerfung. Im Mittelalter küssten die Untergebenen, wenn der Lehnsherr nicht anwesend war, sogar statt seiner Hand die Haustür oder das Türschloss. Möglicherweise hat der Handkuss den Fußkuss abgelöst. Den Fuß des Papstes zu küssen, war entweder eine Anlehnung an Maria Magdalena, die Jesus’ Füße mit Tränen benetzt und diese dann weggeküsst haben soll – oder eine aus dem Heidentum übernommene Idee: Druiden küssten den Fuß des Hohepriesters. Und so wie in Syrien Abbilder der Gottheiten geküsst wurden, später die Römer und Griechen entsprechend die Statuen ihrer Götter küssten und dann die Christen das Kreuz, könnte auch der heidnische Fußkuss Eingang ins Christentum gefunden haben. Bei der Krönung europäischer Herrscher und am Hofe des Papstes war er üblich, bis er nach und nach vom Handkuss ersetzt wurde. Dieser verbreitete sich von Spanien aus in ganz Europa und war zunächst eine Geste der Untertänigkeit und Verehrung, geriet aber vom höfischen Leben in den Alltag hinein und verwandelte sich dort in ein Symbol guter Manieren, das zunächst nur verheirateten Frauen zuteil wurde.

Aber natürlich ist es nicht seine Rolle als Bezeuger guter Manieren, die den Kuss zu einem so bedeutsamen Erlebnis gemacht hat, dass seine Darstellung in jeder möglichen Form Furore machte. Von Rodins Plastik »Der Kuss« gibt es gleich mehrere Ausfertigungen, Klimts Bild »Der Kuss« ging um die Welt, und Küsse auf der Leinwand waren den frühen cineastischen Sittenwächtern so heikel, dass ab 1934 der Hays Code zur Darstellung von Kriminalität und Sexualität für alle Filme verpflichtend ein paar Regeln festlegte. Ausgiebige Küsse waren verboten, mindestens einer der Schauspieler musste beim Kuss stehen oder sitzen – Küsse im Liegen waren untersagt. Ein Kuss durfte nicht länger als drei Sekunden dauern. Der schlitzohrige Alfred Hitchcock unterwanderte 1946 in seinem Film »Berüchtigt« die Regel, indem er einen Kuss zwischen Ingrid Bergmann und Cary Grant durch einen Telefonanruf, Dialoge und Umherwandern der Darsteller im Zimmer immer wieder kurz unterbrach und es so letztlich auf eine drei Minuten währende Knutscherei brachte – damals die längste Kussszene der Filmgeschichte. 1967 wurde der Hays Code abgeschafft.

Inzwischen haben wir den Kuss als menschliches Bedürfnis anerkannt. Noch. Denn 2008 geschah dann endlich das, worauf die Welt schon so lange gewartet hatte: der erste Kuss, der keine Menschen mehr brauchte. An der National Taiwan University of Sciene and Technology hatten die Forscher ihre Roboter das »Phantom der Oper« aufführen lassen, und als Roboter Janet und Roboter Thomas sich schließlich küssten, war allen 400 Zuschauern klar, dass es eines Tages so enden musste.

Und mancher mag sich bei diesem Anblick auch gefragt haben, wie all das eigentlich seinen Anfang genommen hatte. Eine Frage, die offenbar weitaus schwieriger zu beantworten ist. Bis ins 19. Jahrhundert dachten viele Forscher, dass wir die Erfindung des Kusses den Römern zu verdanken haben. Übrigens aus Frauenfeindlichkeit. In einer Zeit, als römische Frauen sich vom Wein fernzuhalten hatten, suchte man eine wirkungsvolle Methode, mit der man überprüfen konnte, ob sie in Abwesenheit des Mannes am Wein genascht hatten. Dafür musste dann der Mann naschen, an den Lippen der Frau.

Noch gewagter, dafür aber auch noch unterhaltsamer war die These von Aristoteles, der die Trojaner für die ersten Küsse verantwortlich machte. In dieser Theorie sind eher die Männer die Opfer: Des vielen Umherreisens müde, sollen die Frauen die Schiffe angezündet haben, und damit die reizbaren Kämpfer nicht losschimpfen konnten, eilten sie ihnen entgegen und verschlossen ihnen einfach den Mund mit ihren Lippen. Süß. Aber unwahrscheinlich.

Auch Sigmund Freud gilt kaum noch wem als Gott der Kussforschung. Dessen Idee, der Mensch entwickele schon als Baby beim Saugen an der mütterlichen Brust den Mund zur erogenen Zone, und die damit einhergehende Lust sei es ihm wert genug, später an den Lippen der Geliebten zu saugen – na ja. Schon weil zwar überall auf der Welt gesäugt, aber längst nicht überall geküsst wurde, stand diese Theorie auf ziemlich wackeligen Beinen.

Manche Evolutionsbiologen glauben, dass der frühe Mensch seine Brut von Mund zu Mund gefüttert hat, ähnlich wie manche Tiere, und dass sich daraus der Kuss entwickelt habe. Nachdem Ethnologen einige Naturvölker entdeckt hatten, die genau dies immer noch taten, schien sich diese These zu erhärten. Aber warum wurde dann nicht weltweit schon immer geküsst?

Andere fanden nach weitreichenden Forschungen eine überraschende Ähnlichkeit zwischen Lippen und Schamlippen, und da überall auf der Welt Frauen ihren Mund mit Farbe betonten, um sexuell attraktiv zu wirken, sei der Kuss auf die Lippen wohl biologisch in uns verankert, ein Paarungsförderungsprogramm durch die Evolution, die weiblichen Lippen sozusagen eine Art Preview auf die Schamlippen.

Zumindest der Gedanke, dass die Evolution uns den Kuss als Überlebenshilfe ins genetische Programm gesetzt hat, wird auch weiterhin in der Forschung diskutiert. Die Evolutionsbiologin Sarah Woodley von der Duquesne University in Pittsburgh sieht auf der Basis mehrerer Studien zum Zusammenhang zwischen Kussverhalten und Immunität den Kuss als eine Art Gencheck: Bestimmte Gene, die MHC-Gene, beinhalten Informationen darüber, gegen welche Krankheiten ein Mensch immun ist und gegen welche nicht. Und eben diese Gene würden wir beim Küssen erriechen und erschmecken. Wenn zwei sich küssen, so die Theorie, überprüfen sie, ob sie gegen möglichst unterschiedliche Krankheiten immun sind – denn das käme dann dem Nachwuchs zugute.

Ums Riechen geht es auch bei der Vermutung, dass der Vorläufer des Mundkusses der einst in etlichen Ländern verbreitete Nasenkuss war, welcher wiederum aus dem in der Natur sehr verbreiteten Beschnüffeln des anderen hervorgegangen sein könnte. Sexualforscherin Ingelore Ebberfeld hat einen unschönen Verdacht: Der Kuss begann als Riechen am Allerwertesten. Und als unsere Vorfahren sich auf zwei Beine erhoben, ist er sozusagen mit nach oben gewandert. Wo er auf die Lippen traf.

Zweifellos eine Reise, die sich gelohnt hat.