Liebe ohne Worte
Über einen Mann im Wachkoma und seine Frau,
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In Zimmer 107 harrt das Leben der Dinge.
Draußen rauschen die Monate vorbei, die Jahreszeiten und die Möglichkeiten. Zeit hat in 107 keine Bedeutung mehr, und das kleine Zimmer lässt einem wenig Raum für Bewegung, dafür umso mehr für Gedanken.

Welche Gedanken Jürgen sich macht und ob überhaupt, ist sein Geheimnis. Während sich draußen hinter dem Fenster des Pflegeheims die Welt weiterbewegt, liegt er im Bett und hält inne. Seit achtzehn Jahren geht das nun schon so. Wir brachen auf ins neue Jahrtausend, und Jürgen schlief. Wir haben das menschliche Genom entschlüsselt. Jürgen blieb stumm. Wir wurden Papst. Jürgen blinzelte. Krieg pflügte den Irak um und ein Tsunami die Küsten des Indischen Ozeans. Jürgen atmete ein und wieder aus.

Als er ins Wachkoma fiel, war er 55. Nun ist er 73. Würde er heute aufwachen, jemand müsste ihm erzählen, dass wir jetzt eine andere Währung haben, eine Frau als Kanzlerin und eine größere EU. Ihm erklären, warum es das World Trade Center nicht mehr gibt, wieso im Atlas kein Jugoslawien mehr steht, dass er Schröder komplett verschlafen hat und wer Harry Potter ist. Ihm sagen, dass Katharine Hepburn tot ist, genau wie Barry White, Walter Matthau, Astrid Lindgren, Jürgen Möllemann, Jürgen Ustinow, Hildegard Knef und Fritz Walter.

Dass Lady Di nicht mehr lebt, hat Jürgen gerade noch mitbekommen am 31. August 1997. Es ist ein warmer Sonntagnachmittag. Jürgen und seine Frau Christa wohnen in einer rheinischen Kleinstadt, und an diesem Tag machen sie zusammen mit Freunden eine Radtour, 30 Kilometer durch die schönen Landschaften des Niederrheins mit Kaffeepause in einem Gartencafé. »Da tat ihm schon die Schulter weh«, erinnert sich Christa heute an den Tag, an dem das Leben anders wurde für Jürgen und für sie. Gegen Abend schiebt Jürgen fürsorglich Christas Rad in die Garage, und nach dem Essen setzen sie sich vor den Fernseher und schauen »Brennpunkt«, wo gerade über Diana berichtet wird, die am Morgen bei einem Autounfall ums Leben kam. Doch wer denkt, wenn die Schulter schmerzt, schon über Leben und Tod nach, geschweige denn, ob es irgendetwas dazwischen geben könnte? Jürgen steht auf, und der letzte Plan, den er in seinem Leben fassen wird, ist, am nächsten Tag seine Schulter einem Orthopäden zu zeigen. Dann verlässt er das Wohnzimmer für immer und geht die Treppe rauf. »Als nächstes habe ich einen lauten Bums gehört«, sagt Christa. »Ich habe seinen Namen gerufen, aber es kam keine Antwort. Natürlich bin ich sofort nach oben gerannt, und da lag er bewusstlos auf dem Boden, und sein Gesicht war bereits blau angelaufen.«

Den Rettungsdienst alarmiert sie sofort. Dann läuft sie auf die Straße hinaus. »Jürgen ist tot«, ruft sie, zwei Nachbarskinder eilen herbei und versuchen erste Wiederbelebungen. Der Notarzt und der Rettungswagen treffen ein. »Was dann kam, ist abgelaufen wie ein Film. Und eigentlich emotionslos. Entweder lebt er weiter wie bisher, oder er stirbt jetzt – an diesen Gedanken kann ich mich noch erinnern«, sagt Christa heute. »Mir fehlte das Begreifen.« Details von diesem Augenblick sind verschwunden in einem Loch des nicht Erinnerbaren. Christa sitzt auf der Treppe und starrt auf einen Strudel aus hektischen Handgriffen, Kommandos, Elektroschocks, Spritzen und künstlicher Beatmung. Ein Strudel, der Jürgen wieder zurückreißt aus dem Tod, aber nicht ins Leben. Denn nach dem Herzinfarkt mit Herz- und Kreislaufstillstand bleibt Jürgens Gehirn 30 Minuten lang mit Sauerstoff unterversorgt, er fällt ins Koma. Und auch für Christa wird nun ein anderes Leben beginnen.

Zwei Tage lang stabilisieren die Ärzte Jürgen im örtlichen Krankenhaus, dann kommt er für zwei Wochen in die Klinik nach Krefeld. Als seine Augen sich zeitweise öffnen, schöpfen alle Hoffnung, doch Jürgen bleibt stecken auf dem Weg vom Koma zurück ins Leben. Das Wachkoma, »Apallisches Syndrom« genannt, unterscheidet sich vom Koma dadurch, dass der Betroffene einen Schlaf-Wach-Rhythmus hat und manchmal mit offenen Augen da liegt. Die Patienten haben vielleicht nach einem Verkehrs- oder Reitunfall massive Kopfverletzungen erlitten, oder ihr Gehirn war längere Zeit mit Sauerstoff unterversorgt, zum Beispiel nach einem Lawinenunglück, nach Ertrinken oder einem Herzinfarkt. Der Vorteil moderner Medizin liegt dann darin, dass sie einen Menschen vielleicht vor dem Tod bewahrt. Der Nachteil liegt darin, dass das noch nicht der Weg zurück ins Leben sein muss. Denn beim Wachkoma ist die Verbindung zwischen Großhirn und Stammhirn unterbrochen: Wie 6000 andere Apalliker in Deutschland kann Jürgen atmen, und auch Stoffwechsel und Kreislauf hält das Stammhirn am Leben. Aber was nimmt Jürgen noch wahr – und wie weit kann sein Großhirn Wahrgenommenes zu einem Gesamteindruck verarbeiten? Von der Annahme, dass Wachkoma-Patienten gar nichts mehr wahrnehmen, hat die Medizin sich in den letzten Jahren weitgehend verabschiedet. Aber was der einzelne Patient noch mitbekommt, wer vermag das zu sagen? Und vor allem: Wohin geht Jürgens stille Reise?


»Anfangs wollte ich nur Ermutigendes hören«, sagt Christa heute. »Gute Nachrichten haben mir da so richtig aus der Seele gesprochen.« Denn natürlich gibt es sie: den Lkw-Fahrer, der aus dem Wachkoma erwachte, nachdem man ihn an einem Öl verschmutzten Lappen riechen ließ. Die Amerikanerin, die nach 29 Jahren plötzlich zu sprechen anfing. Den Fischer, der sich schließlich mit dem Finger über Morsezeichen verständigen konnte. Ausnahmen. Aber auch Nahrung für die Hoffnung. Und Nahrung, die einen anfangs am Leben hält. »Zuerst interpretierst du jedes Zucken im Körper positiv. Weil du es so haben willst. Inzwischen sehe ich alles realistischer.« Jürgens Arzt gab ihm am Anfang zwei Jahre bis zum Tod, und Christa wartete auf Jürgens Erwachen. Heute ist es umgekehrt. Da sagt der Arzt, dass es immer wieder Menschen gibt, die aus dem Wachkoma zurückkehren. Und Christa antwortet dann: Nach einer 30-minütigen Unterversorgung mit Sauerstoff? Nein. Vier Monate Frührehabilitation in Bad Godesberg haben Jürgens körperliches Befinden weiter stabilisiert. Aber Versuche der Kontaktaufnahme über Augenblinzeln oder Handdrücken scheiterten. »Dass er wieder aufwacht, daran glaube ich nicht mehr. Aber sein Leben muss so erträglich wie möglich gestaltet werden.«

Ihres auch. Um dieses Leben leben zu können, braucht man am Anfang jene selbstdienliche Befangenheit, die einen die Realität so weit verdrehen lässt, dass man sie aushalten kann. Und später, wenn die Hoffnungen geschwunden sind, einen klaren Blick auf das, was wirklich ist, und die Kraft es zu akzeptieren und ins eigene Leben zu integrieren. Jürgen war Leiter einer beruflichen Schule, als er den Herzinfarkt bekam. Christa unterrichtete an der Volkshochschule Jugendliche, die einen Weg in die Berufswelt suchten. Jetzt liegt Jürgen im Bett und Christa sitzt daneben. Das Leben geht weiter, nur eben einen anderen Weg.

Es ist vor allem die Suche nach diesen neuen Wegen. Wie kann man ausgleichen, was nun nicht mehr geht? Wie zum Beispiel das Gespräch am Frühstückstisch ersetzen? »Zuerst«, sagt Christa und berührt Jürgens Arm, »habe ich ihm so viel erzählt, wie ich konnte. Das war ein merkwürdiges Gefühl, ständig mit jemandem zu reden, der nicht antworten kann, und Monologe sind auf Dauer nicht befriedigend. Früher oder später ermüdet es einen so weit, dass man vielleicht damit aufhört. Aber ich wollte ihn unbedingt weiter am Geschehen teilhaben lassen. Und dann bin ich auf einen Trick gekommen.« Sie deutet auf ihr Handy und lächelt. »Wenn ich Jürgen etwas erzählen will, setze ich mich neben sein Bett, rufe jemanden an und erzähle es am Handy – Jürgen kann dann mithören, und obwohl er nicht antworten kann, ist es trotzdem kein Monolog mehr. Das ist auch ein guter Weg, ihn meine Stimme hören zu lassen.«

Das Wir-Gefühl lässt sich auf diesem Weg freilich nur teilweise aufbauen, und so wechselt Christa, um einen kommunikativen Zugang zu Jürgen zu bekommen, oft von der Sprache in die Körpersprache. »Der Körperkontakt hat schon sehr zugenommen, seit er im Wachkoma liegt. Ich bin gern dabei, wenn er umgelagert oder in den Rollstuhl gesetzt wird, denn das sind für uns Gelegenheiten, uns nahe zu sein.« Auch bei der Krankengymnastik, die vier Mal die Woche ist, hilft Christa mit, steigt zu Jürgen ins Bett, setzte ihn auf und stützt seinen Rücken mit ihrem Körper. Vor allem, damit er spürt, dass sie atmet, dass sie da ist und davon ausgeht, dass er es auch ist. »Seine Atmung und Mimik sagen mir, wenn etwas als angenehm bei ihm ankommt«, sagt sie. Seine Mimik, das ist nicht viel. Vielleicht nur ein Auge, das sich ein kleines Stück öffnet und ins Leere guckt, ohne etwas fixieren zu können. Entspannte Hände. Ein gelöster Mund. Jürgens Welt ist eine Welt der kleinen Dinge, des Angedeuteten, des Geflüsterten, und um die leisen Töne hören zu können, muss man ihm schon sehr nahe sein. Es hat eine Weile gedauert, ihn neu lesen zu lernen. »In den ersten Monaten dachte ich: Wenn er seine Augen länger geöffnet hat, ist das sicher ein gutes Zeichen. Heute glaube ich, dass er dann eher irritiert ist und sich fragt: Was ist mit mir?«

Was ist, ist das eine. »In letzter Zeit frage ich mich natürlich schon häufiger, was in 10 Jahren sein wird«, verrät sie. Und dann schweigt sie für eine Weile nachdenklich und sagt schließlich: »Das ist schon merkwürdig, dass ich mich frage, was in 10 Jahren ist – aber nicht, was in einem Jahr ist.«

Überhaupt ist Christa selbstanalytischer geworden. »Meine größte Angst war, zu verbittern. Das würde Jürgen überhaupt nicht an mir mögen. Da hab ich dran gearbeitet. Ich bin froh, für mich selber eine Balance gefunden zu haben, denn wer anderen Gutes tun will, muss auch für die eigene Seele was Gutes tun.« Heute engagiert sie sich für das Thema »Wohnformen im Alter« und kann sich in andere besser hineinversetzen, besonders wenn sie in schlimme Situationen geraten. Ihr verstärktes Streben, ein großes Herz zu haben für andere, hat sie Jürgen zu verdanken. Er kann nicht mehr handeln, aber er kann weiter Geschenke machen.

Mittwoch ist Badetag, zweimal in der Woche wird Jürgen in den Rollstuhl gesetzt und täglich auf die Bettkante, alle drei Stunden wird er neu gelagert. Vier bis sechs Stunden ist Christa da. Tag für Tag. Eingebunden in Strukturen, begibt sie sich auf die Suche nach Abwechslung. Und findet sie dort, wo sie vorher vielleicht nicht gesucht hätte: im Kleinen. Keine Zeit mehr für die große Weltreise; keine Kraft, die Welt zu verändern; keinen Spielraum mehr, sein Leben von Grund auf zu erneuern. Aber sind es nicht ohnehin die kleinen Dinge, die Großes bewirken? »Wenn man so intensiv an Strukturen gebunden ist, sucht man das Variable eben im Detail. So kann man auch Abwechslung in sein Leben bekommen, ohne die Strukturen durcheinander zu bringen«, sagt sie. Jürgen liegt nun im zehn Kilometer entfernten Pflegeheim, und im Sommer fährt sie mit dem Rad zu ihm, nimmt mal diesen Weg und mal jenen und kann auch solch kleine Veränderungen genießen, weil sie gelernt hat, ihre Wahrnehmung neu zu justieren.

Christas Leben ist nun anders, aber weiterhin ihr Leben. »Es hat viele Facetten, viele schöne Seiten, und es gibt immer Ziele. Ein guter Tag ist ein Tag ohne zusätzliche Aufregung«, findet sie und lächelt wieder. Planungen? »Planungen sind möglich, aber mit erhöhter Bereitschaft, sie umzuwerfen – und es nicht als Verzicht zu empfinden, wenn man sich etwas vorgenommen hat und es dann über den Haufen wirft, weil Jürgen zum Beispiel Fieber bekommen hat.« Christa ist eine, die nachts nicht mehr träumt, aber tagsüber Angst hat, Jürgen länger alleine zu lassen. Dieses Jahr fährt sie mit Freunden für eine Woche in den Allgäu. »Da mache ich mir natürlich schon Gedanken. Aber ich bin so weit, dass ich nicht mehr dauernd im Pflegeheim anrufe und mich erkundige.«

Doch manches ist geblieben vom Leben vor dem 31. August 1997. »Sehr wichtig sind schöne Erinnerungen«, sagt sie. Über Jürgens Kopf hängt ein Familienfoto: mit den beiden Kindern, mit Christa und mit Jürgen, als er noch seinen Vollbart trug. Das Foto soll auch anderen zeigen, was in jenem Jürgen steckt, der unter dem Bild liegt: ein Mensch mit einer Geschichte, mit einer Familie, einem Garten, mit einem Lachen, mit Gefühlen. »Jürgen war immer aktiv, ein unruhiger Geist. Sehr wissbegierig und zukunftsorientiert«, ergänzt Christa mit Worten, was das Foto verschweigt. Denn was man nicht sieht, ist ein Mann, der redete. Viel redete. Wie der Tag war. Wie es mit dem Lohnsteuerjahresausgleich lief. Was es in der Schule Neues gab. Das Bild verschweigt auch Geschichten. »Fällt dir an mir was auf?«, fragte Christa für gewöhnlich, wenn sie beim Friseur gewesen war und Jürgen es wieder einmal nicht bemerkt hatte. Eines Tages kam Jürgen nach Hause, und die Katze hatte Christa einen dicken Kratzer über die Nase gezogen. »Fällt dir an mir was auf?«, fragte sie schließlich beim Essen. »Hmmm«, machte Jürgen, blickte ihr nachdenklich ins Gesicht und sagte dann: »Du warst beim Friseur?!«

Das soll nicht heißen, dass Jürgen kein aufmerksamer Ehemann gewesen wäre. Bevor er morgens mit seinem eigenen Wagen in die Schule fuhr, kratzte er im Winter die Scheiben von Christas Auto frei. »Aber natürlich wurden bei uns auch mal Türen zugeschlagen«, erinnert sie sich. »Aber das zeigt ja auch, dass der andere einem was bedeutet. Wir waren mit unserem gemeinsamen Leben zufrieden.«

Das gemeinsame Leben begann mit einem losen Knopf, damals. Jürgen hatte sich als Student für ein Praktikum in Argentinien beim Auslandsreferat des Studentenverbandes deutscher Ingenieurschulen beworben, und es war Christa, die dort arbeitete, seine Unterlagen in die Finger bekam, den Lebenslauf spannend und das Foto überhaupt nicht schön fand. Später, als Jürgen bei der Hauptversammlung der Ingenieurschulen vor ihr stand, fragte er nach Nadel und Faden, weil sich ein Knopf seines Jackets gelöst hatte. Christa nähte den Knopf wieder fest, und die viel wichtigere Bindung kam neun Monate später: In einer Karnevallsnacht verlobten sie sich. Anderthalb Jahre nach dem losen Knopf heirateten Christa und Jürgen, am 3. Oktober, ausgerechnet. So machte die deutsche Wiedervereinigung später ihren Hochzeitstag Jahr für Jahr zu einem Tag mit gleich zwei Ereignissen, die die Welt ein kleines bisschen schöner gemacht haben.

Bei der Geburt der Kinder war Jürgen dabei, wie auch zuvor beim Wickelkurs, »das war damals sicher noch nicht so selbstverständlich«. Überhaupt, die Familie: Weihnachten trafen sie sich zu Hause, stellten den Weihnachtsbaum auf die Terrasse, und die Spieluhr läutete mit »Stille Nacht« die Bescherung ein. Und die vielen Urlaube zu viert, Skilanglauf, Erkundungen in Kanada, Sandburgen in den Niederlanden, wochenlange Touren mit dem Segelboot durch ganz Europa. »Man weiß ja nie, wie lange wir uns das noch zutrauen können«, hat Jürgen immer gesagt. Er, die Wasserratte, hatte Christa das Wasser als Lebensraum näher gebracht, und sie hatte seinetwegen den Sportbootführerschein gemacht. Australien und Neuseeland hätten als nächstes auf der Liste gestanden, aber das geht nun nur noch in Gedanken.

Gegenüber dem Bett hängt ein mexikanisches Ledertuch. Auf einem Markt in Mexiko hatte Jürgen es sich wieder und wieder beguckt und, weil es so teuer war, erst nach mehrtägigem Zögern gekauft. Beim ersten Weihnachten nach dem Herzinfarkt haben sie es ihm in seinem Pflegezimmer an die Wand geheftet. Die Szene aus der mexikanischen Mythologie zeigt die Machtübergabe vom Vater an den Sohn.

Ja, Macht hat Jürgen keine mehr, und darum achtet Christa darauf, dass sich niemand zu Respektlosigkeiten hinreißen lässt. Ihm beispielsweise sämtliche Zähne zieht, denn das hatten ein paar Ärzte vor, nachdem Jürgen sich im Wachkoma ein Stück aus seiner Lippe gebissen hatte und er seine Kiefer oft unlösbar aufeinander presste. Es war Christa, die die Ärzte davon abhielt, alle Zähne zu entfernen, später in der Frühreha bekam Jürgen Botulinum Toxin in den Kaumuskel gespritzt, und mit viel Geduld und Stimulation entspannten sich seine Kiefer. Heute putzt sie ihm täglich vorsichtig die geretteten Zähne, rasiert ihn und bewegt ihn durch. »Er soll spüren, dass er nach wie vor geliebt wird.« Denn Magensonde und Trachealkanüle können vielleicht Leben geben oder erleichtern – Liebe geben sie nicht. Da braucht es andere Zugänge, emotionalere. Ihn zu rasieren und zu bewegen, ist mehr als nur eine Körperpflege.

Die Kinder kommen oft zu Besuch, und dann sitzen sie bei Jürgen, spielen Kniffel und reden. Die Macht hat Jürgen vielleicht abgegeben, aber alle möchten, dass er etwas bleibt: ein Beteiligter. »Vielleicht ist es gut so, wie es ist«, beschreibt Christa ihre Gefühle heute. »Ich bin dankbar.« In Gesprächen hat sie von Patienten erfahren, die aufgewacht, aber nicht mehr die sind, die sie vor dem Wachkoma waren. Misstrauisch, agressiv, wesensverändert. Nicht immer können die Angehörigen ihre Zuneigung erhalten. »Ich hingegen mag Jürgen weiter. Vielleicht hat die Zuneigung sich sogar noch verstärkt.« Und wenn er einmal nicht mehr ist? »Was wird dann mit mir? Was aus all den Stunden, die ich nun sinnvoll beschäftigt bin?« In den letzten Jahren gibt es so viele Fragen, die nicht zu einer Antwort führen, sondern zu weiteren Fragen.

Was in Zukunft ist, entzieht sich dem Denkbaren. Zwanzig Jahre so weitermachen? Unvorstellbar. Dass Jürgen stirbt? Unvorstellbar. Dass er aufwacht? Unvorstellbar.

In Zimmer 107 harrt das Leben der Dinge.